Die Empörung der Scheinheiligen

Warum ausgerechnet die erste Klage gegen den VW-Konzern so verlogen ist.

Anfang Oktober findet im US-Bundesstaat Texas wieder ein schmutziges Spektakel statt, ein Spektakel, das immer mehr Anhänger gewinnt. Es geht um heiße Öfen, sogenannte Hot Rods und es geht um viel Dreck, der aus diesen Öfen heraus kommt. Zu den klassischen Beschleunigungsrennen der National Hot Rod Association (NHRA) hat sich in den USA ein neuer Ableger entwickelt: die Rennserie der National Hot Rod Diesel Association (NHRDA). Nach eigenen Angaben ist sie die derzeit am schnellsten wachsende Rennserie – und in wenigen Tagen kürt sie ihre Weltmeister.

Den Unterschied zum Kürzel NHRA macht nur ein Buchstabe, das D. Es steht für Diesel, womit wir schon beim Thema wären. diesel_5Sowohl Diesel als auch die geschummelten Abgaswerte von Volkswagen sind hervorragende Selbstzünder. Besonders in den Hauptabsatzländern von Volkswagen erhitzten sie die Gemüter. Verständlich. Und um es auch gleich an dieser Stelle zu sagen: Es geht in diesem Beitrag nicht um die Bewertung der Softwaremanipulation von Volkswagen. Vielmehr geht es um die heuchlerisch anmutende Empörung, mit der vor allem amerikanische Offizielle auf den VW-Skandal reagieren.

Miese Umweltbilanz

Diese Woche gab es die erste Klage gegen Volkswagen. Der Landkreis Harris County im Bundesstaat Texas fordert wegen Umweltverschmutzung durch 6.000 manipulierte Volkswagen insgesamt 100 Millionen Dollar. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Landes- und Bundesbehörden, Organisationen oder auch Privatpersonen folgen. Doch bleiben wir in Harris County. In den USA kommen auf 1.000 Einwohner 641 Autos. Bei einer Bevölkerungszahl von 4,34 Millionen fahren auf den Straßen von Harris County also umgerechnet 2,78 Millionen PKW. Über ein Drittel davon (36,5 Prozent) sind großmotorige, hubraumstarke SUV. Seit Ende 2004 sind sie in den gesamten USA die absatzstärkste Fahrzeugart. Darin noch nicht enthalten ist die große Zahl privat genutzter Pickups bzw. Trucks.

Es wundert also nicht, dass die Umweltbilanz der Amerikaner mies ist. Ziemlich mies sogar. diesel_440 Prozent aller Stickoxide in den Vereinigten Staaten haben ihren Ursprung auf den endlosen Highways. Der jährliche CO2-Verbrauch eines US-Bürgers liegt um das Doppelte über dem eines Deutschen. Und knapp 20 Prozent dieser Bilanz gehen auf das Konto der automobilen Freiheit. Womit wir bei einem uramerikanischen – und ganz empfindlichen – Thema wären. Denn Freiheit ist in den Vereinigten Staaten nicht die Freiheit der Anderen, sondern besonders und vor allem die konstitutionell zugesicherte Freiheit des Einzelnen. Kurzum: Wer das verfassungsgemäße und uneingeschränkte Recht hat, überall und jederzeit Waffen zu tragen, der darf auch Dreck machen. Und zwar so viel er will.

Protest mit Kohlewalzen

Stimmt natürlich nicht ganz, zumindest rein rechtlich. Rein praktisch kommt diese individuelle Freiheit allerdings nirgendwo schöner zum Ausdruck als in der „Anti-Umwelt-Protestbewegung“ der Coal Rollers. Diese „Kohlewalzen“ sind nichts anderes als umgebaute Diesel-Trucks, bei denen es vor allem auf eines ankommt: möglichst viel Dreck zu machen. Ein spezieller Auspuff, etwas Manipulation am Motor und schon versetzt ein Tritt aufs Gaspedal die unmittelbare Umwelt in die Anfangszeiten der industriellen Revolution. Dicke Rußschwaden hüllen Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer in ein giftiges Schwarz.

Offiziell sei dies natürlich verboten, lässt die US-Umweltbehörde EPA verlauten. dieselNach den gesetzlichen Bestimmungen des Clean Air Act (CAA) dürfe niemand den Motor seines Autos so manipulieren, dass damit ein vorhandener Emissionsschutz umgangen wird. Die Wirklichkeit auf amerikanischen Straßen sieht anders aus. Besonders in den Südstaaten finden die Anti-Umwelt-Aktivisten mit ihren Coal Rollers regen Zuspruch. Vorsätzliche Umweltverschmutzung als Volkssport desorientierter Provinzprotestler. Dass die EPA auch nicht mit zu offensiver Kritik an den Coal Rollers schlafende Hunde wecken will, ist verständlich. Denn wer rührt im Bundesstaat der höchsten Ölförderung, massiver Industrie und zahlreicher Kraftwerke schon freiwillig am Thema Umweltschutz – selbst wenn es die Umweltbehörde ist?

Amerikas größter Smogproduzent

In Texas erzeugt die Industrie mehr Stickoxide (NOX) und flüchtige organische Verbindungen (VOC) als in jedem anderen amerikanischen Bundesstaat. Beide Stoffgruppen sind verantwortlich für die Bildung von Ozon. Allein 340.000 Tonnen Stickoxide werden jedes Jahr in die texanische Umwelt geblasen. Das sind 130.000 Tonnen mehr als beim zweitplatzierten Bundesstaat Pennsylvania. Dass Texas weg will von diesem hohen Schadstoffausstoß, ist nicht zu erkennen. Im Gegenteil, der Staat wehrt sich vehement gegen strengere Umweltauflagen wie beispielsweise schärfere Ozonbeschränkungen.

Wie das Magazin National Geographic erst im März dieses Jahres berichtet, kämpft ausgerechnet der Vorsitzende der texanischen Umweltbehörde gegen entsprechende Pläne im Kongress. Im Schulterschluss mit der Industrie bezweifelt er den Sinn strengerer Standards. diesel_6Dabei unterstützt wird er von einer Consulting-Firma, die auch das American Petroleum Institute (API) berät – den größten Interessenverband der Öl- und Gasindustrie der USA. Doch vergessen wir mal die Industrie. Und vergessen wir auch die Coal Rollers und all die vielen Trucks oder SUV auf den amerikanischen Highways: Für Diesel-Kraftstoff, der nicht im öffentlichen Verkehrsraum verbrannt wird, gibt es ja noch diese spezielle Rennserie, die der National Hot Rod Diesel Association.

Gesponsert von Shell (mit US-amerikanischem Hauptsitz in Houston, Harris County, Texas!) sowie zahlreichen Herstellern von Dieselmotoren und Motor-Tuning-Zubehör werden Anfang Oktober die World Finals der National Hot Rod Diesel Association ausgetragen. In 13 Rennklassen treten hier Diesel-Drag-Cars und LKW untereinander an – die einen in Beschleunigungsrennen und die anderen im Sled Pulling (hier muss ein schwerer Bremswagen so weit wie möglich gezogen werden). Austragungsort der Finals ist Ellis County im Bundesstaat Texas. Also das Texas, in dem gerade erst Klage gegen Volkswagen wegen Manipulation von Abgaswerten eingereicht wurde.

Stück vom DAX-Törtchen
Es ist unwahrscheinlich, dass mit Ellis County nun ein zweiter Landkreis eine Millionenklage wegen Umweltverschmutzung anstrengen wird. diesel_1Schließlich geht es beim dreckigen Dieselrennen um so etwas wie eine heimische Volkssportart, das Ausleben verfassungsmäßiger Freiheiten und natürlich auch Geld. Motorsport wird in den USA groß geschrieben. Entsprechend groß ist auch die wirtschaftliche Lobby dahinter. Geld- bzw. Profitorientierung ist dann wohl auch der Grund, weshalb nun in Harris County für 6.000 Autos 100 Millionen Euro aufgerufen werden. Vor dem Hintergrund der vergleichsweise desaströsen texanischen Umweltbilanz ist es kaum nachvollziehbar, warum Harris County mit seiner Klage nicht nur bundesweit, sondern auch weltweit voranprescht. Blickt man jedoch auf das amerikanische Anwaltssystem und die darin enthaltene lukrative Verdienstmöglichkeit der Erfolgsbeteiligung bei Schadensersatzprozessen, wird ein Schuh daraus. Denn natürlich sind US-Anwaltskanzleien zurzeit hoch motiviert, Klagewillige gegen VW zu finden. Vom DAX-Törtchen Volkswagen möchte sich sicher jeder ein Stückchen abschneiden.

Fazit
Keine Frage, der Volkswagen-Konzern wird für seine technische Manipulationen empfindlich abgestraft werden und das auch zu Recht. Gerade bei den europäischen Autoherstellern wird sich dadurch (hoffentlich) der Fokus auf die Entwicklung umweltverträglicher Autos schärfen. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass dieser Skandal – außer kurzfristiger Empörung – irgendeine langfristige positive Wirkung auf das Verhalten der Verbraucher haben wird, besonders nicht in den USA. Hier, wo der Liter Sprit aktuell 55 Cent kostet, hat man mit dem Volkswagen-Konzern nur einen kurzzeitigen Buhmann gefunden. Und auf diesen lässt sich prima mit dem Finger zeigen. Das täuscht jedoch nicht über das entwicklungsbedürftige Umweltbewusstsein (und Umweltverhalten) des Durchschnittsamerikaners hinweg. Im Vergleich zu diesem ist der Abgasskandal von Volkswagen auch nicht mehr als ein kräftiger Tritt aufs Gaspedal.