Die Profi-Abzocke

Wenn wir auf der Suche nach kreativen Dienstleistern sind (wie z.B. einem Grafikdesigner, Autor oder Fotografen), dann führt uns der erste Weg in der Regel ins Internet – erst mal googeln, was es da so gibt. Ähnlich sieht es bei der Suche nach einem Anwalt oder Arzt aus.

Als potenzieller Kunde, Mandant oder Patient lande ich also zunächst mal auf einer Website. Und genau hier treffe ich dann innerhalb von Sekunden meine Entscheidung – ob ich nämlich dort bleibe und mich weiter informiere, oder ob ich direkt weiter klicke. Stichwort: erster Eindruck. Bei der Auswahl eines Dienstleisters möchte ich schon auf den ersten Blick sehen: Hier bin ich richtig. Die Webpräsenz wirkt seriös, professionell und weckt mein Vertrauen.

Leider stoße ich regelmäßig auf Websites, die das genaue Gegenteil vermitteln – obwohl dahinter ein Top-Anwalt, ein guter Arzt oder auch ein engagierter Dienstleister steht. Alle haben ihre Website extern erstellen lassen und gutes Geld dafür bezahlt. Was läuft da also falsch?

Webdesign kann jeder

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Heute – in Zeiten von WordPress – kann sich jeder für günstige $49,- (oder sogar kostenlos) Website-Vorlagen runterladen. Diese sogenannten Templates machen einen recht professionellen Eindruck. Das ist zunächst mal eine schöne Sache. Auch ich habe mir damit meine berufliche Website erstellt (www.annuntio.de).

Damit einher geht aber leider auch der Glaube, Webdesign könne jeder und jeder könne dieses als professionelle Leistung anbieten. Ein bisschen Text, ein bisschen Bild und fertig gezimmert ist die Website. Für den eigenen Blog oder die eigene Homepage ist das wunderbar und überhaupt nicht zu beanstanden.

Allerdings gibt es ein paar Schlaue, die hier aus dem Stand heraus als „Kreativprofi“ starten wollen. Die wirklichen Amateure unter ihnen erkennt man sofort. Fataler sind da schon die Freiberufler, die über andere berufliche Kernkompetenzen verfügen und denken, sie packen Webdesign einfach zu ihrem Portfolio hinzu – eben weil es doch so einfach ist.

Webbastelei

Ich habe aktuell eine Kundin, die sich gerade erst von einem solchen Dienstleister eine Website hat erstellen lassen: für € 8.500. In ihrer gesamten Anmutung versetzt die Website den Besucher in früheste HTML-Zeiten. Abgesehen davon, dass hier die wesentlichsten formalen Grundlagen in Sachen Gestaltung nicht eingehalten wurden, ist die textlastige und sprachlich unbeholfene Seite vor allem eines: laaaaangweilig. Unterm Strich wirkt sie so, wie sie auch erstellt wurde: zusammengebastelt und unprofessionell.

Meine Kundin ist Fachanwältin und war von den Rückmeldungen zu ihrer Website natürlich enttäuscht. Sie habe sich doch extra für einen Experten entschieden, der bundesweit Anwälte in Sachen Kommunikation berät. Der habe sogar ein Buch geschrieben und ganz viele Kanzleien in seiner Kundenliste.

Abgesehen davon, dass die beiden letzten Punkte wenig über Professionalität aussagen, hat Kommunikationsberatung nichts mit Webdesign zu tun. Ebensowenig wie Online-Marketing. Eine weitere Kundin von mir (eine Stiftung) hat sich ihre Seite von Suchmaschinenoptimierern anfertigen lassen. Mit dem gleichen katastrophalen Ergebnis. Um es noch mal zu betonen: Kuchen backt der Bäcker. Zähne zieht der Zahnarzt. Webdesign macht ein Webdesigner.

Abzocke bei Ärzten, Anwälten & Architekten

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Im Fall der Anwältin hatte auch der Kommunikationsexperte eine der genannten WordPress-Vorlagen für $ 49,- gekauft. Die „Gestaltung“ der Seite, also das schlichte Einfügen von Text und Bild in das Template, wurden dann als „Programmierung & Seitengestaltung“ mit € 8.500 in Rechnung gestellt. Geschätzter Gesamtaufwand für die formale Erstellung: maximal 2 Tage.

Zumindest würde ein Mittelstufenschüler nicht länger dafür brauchen. Denn Texte und Bilder musste meine Kundin komplett selbst erstellen bzw. zuliefern. Schließlich könne ja „nur sie als Juristin für die korrekten fachlichen Inhalte sorgen“. Klingt plausibel, ist unterm Strich aber nichts anderes als Abzocke.

Es gibt bestimmte Berufsgruppen, die für diese Form der Abzocke besonders anfällig sind: Ärzte, Anwälte, Architekten und Mittelständler. Hintergrund dafür sind eine bestimmte Haltung und die besondere berufliche Situation in diesen Branchen. Zunächst einmal handelt es sich um Branchen, in denen vergleichsweise gut verdient wird. Wer als Anwalt einen Stundensatz von € 300,- realisiert, der zuckt nicht zusammen, wenn ein Kreativ-Dienstleister € 150,- die Stunde verlangt (was für Webdesign entschieden zu hoch ist). Dann sind es Berufe, die sich durch einen großen Arbeitseinsatz, wenig Zeit und eine hohe Stressbelastung auszeichnen. Da möchte und kann man sich nicht mit allen Baustellen in der Kanzlei oder Praxis selbst befassen. Das überlässt man den Profis.

Alles aus einer Hand

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Ich selbst stamme aus einem mittelständischen Familienbetrieb. Da wurde das Geld zwar nicht zum Fenster rausgeworfen, aber wenn mit einem Firmenwagen etwas nicht in Ordnung war, dann kam er umgehend in die Werkstatt. Die Ansage dort war dann ebenso kurz wie vieldeutig: Machen sie alles Notwendige, damit er wieder läuft und glänzt.

Natürlich glänzen bei einem solchen Spruch auch die Augen eines Dienstleisters – hier der Vertragswerkstatt. Geld ist für den Kunden erst mal nebensächlich. Viel wichtiger ist, dass alles gut und professionell geregelt wird und sich der Kunde keinen Kopf um lästige Details machen muss.

Vor diesem Hintergrund wirkt dann auch in anderen Bereichen das große Rundum-Sorglos-Paket äußerst attraktiv. „Lassen Sie mal, wir kümmern uns schon …“. Wenn mir als Anwalt dann noch ein Kollege von diesem einen Experten erzählt, „zu dem sie alle gehen“ und „der sogar ein Buch geschrieben hat“, dann gebe ich doch die aufwändige und lästige Nummer mit der neuen Website in (vermeintlich) fachkundige Hände.

Dass dieser Experte aber nicht mal eine Referenz in Sachen Website-Erstellung vorweisen kann und auch seine eigene Homepage mehr bemüht als gekonnt wirkt, wird gar nicht wahrgenommen. Hier existiert mitunter eine Ehrfurcht, die jede kritische, inhaltliche Auseinandersetzung im Ansatz erstickt. Was der „Experte“ sagt, wird schon stimmen.

So erkennen Sie, ob Ihr Dienstleister kompetent und professionell ist

Lassen Sie sich nicht blenden. Es gibt klare Kriterien, an denen Sie bereits auf der Website eines Anbieters dessen Kompetenz und Professionalität erkennen:

  • Wie ist Ihr erster Eindruck? Wenn es jemand schon auf der eigenen Homepage nicht schafft, sich kurz, professionell, verständlich und ansprechend darzustellen, wie sollen dann erst seine Leistungen aussehen, für die Sie später bezahlen? Besonders vielsagend sind offensichtliche Nachlässigkeiten wie nicht funktionierende Links, schlechte Navigationsmöglichkeit (und damit schlechte Orientierung), die letzte Aktualisierung aus dem Jahr 2012, Textwüsten oder Grammatik-, Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler. Aber auch der Gesamteindruck zählt – gerade im Kreativbereich. Fühlen Sie sich von der „digitalen Visitenkarte“ (also der Website) des Anbieters angesprochen? Gefällt Ihnen das, was Sie da sehen? Welcher Aufwand und welche Sorgfalt stecken dahinter?

 

  • Fakten, Fakten, Fakten. Die eigene Homepage ist ein Ort der beruflichen Selbstdarstellung – nicht der privaten. Finden Sie also beim Anbieter die fachlichen Fakten und Daten, die Sie als Kunde brauchen? Oder haben Sie da einen Selbstdarsteller, der sich in persönlichen Meinungen, netten Schwanks aus seinem Leben sowie Fotos aus dem privaten Familienalbum verliert?

 

  • Achten Sie auf vorhandene Kompetenzen. Wo liegen die tatsächlichen Kompetenzen des Dienstleisters? skillWas behauptet er zu können und wodurch wird das untermauert? Welche Ausbildung/Weiterbildung hat er absolviert? Was sind seine beruflichen Stationen bzw. Erfolge? Was prädestiniert ihn für eine bestimmte Leistung? Seien Sie misstrauisch, wenn Sie keine berufliche Vita mit konkreten Daten & Fakten finden.

 

  • Fragen Sie nach Netzwerkpartnern. Viele Freiberufler arbeiten eigenständig, greifen aber bei Bedarf auf ein professionelles Netzwerk zurück. Bietet Ihnen ein Freiberufler Leistungen an, die außerhalb seiner eigenen Kompetenzen liegen, dann sollte er transparent machen, mit wem er zusammenarbeitet. So haben Sie die Möglichkeit, sich über die Leistungen und Qualität der Netzwerkpartner zu informieren. Übrigens kommt Sie diese Expertenvielfalt billiger (und fachlich besser) als wenn Ihr All-in-one-Experte alle Jobs selber macht. Während Ihr „Experte“ nämlich seinen Stundensatz von € 150,- in Rechnung stellt, hätte die Vergütung des Gestalters im Branchenschnitt bei € 78,- gelegen. So haben Sie für das doppelte Honorar eine Amateurleistung eingekauft.

 

  • Achten Sie auf Referenzen. Eine Kundenliste ist keine Referenzliste! Wer Webseiten gestaltet, der muss auch seine bisherige Arbeit (sprich: erstellte Webseiten) präsentieren bzw. verlinken. Jeder Fotograf verfügt über ein umfangreiches Portfolio mit einer Auswahl seiner Bilder. Wer als Autor tätig ist, muss darstellen können, was und für wen er geschrieben hat. Seien Sie also misstrauisch, wenn nirgendwo zu sehen ist, was jemand bisher erstellt oder geleistet hat.

 

  • Hinterfragen Sie die Kundenliste. Eine lange Kundenliste ist noch kein Zeichen für Qualität und Professionalität. Wenn ein Dienstleister alle zwei Wochen ein Seminar mit 20 Teilnehmern hält, verbucht er am Ende des Monats 40 „neue Kunden“. Wenn er aber über ein Jahr zwei Buchprojekte und zwei Magazine betreut, kommt er auf ganze vier Kunden im Jahr. Viel interessanter und aussagekräftiger ist, was jemand für wen gemacht habe.

 

  • Seien Sie kritisch. Sie geben Ihr wohlverdientes Geld für eine Dienstleistung aus. Bleiben Sie deswegen immer kritisch. Lassen Sie sich einzelne Schritte und Leistungen begründen. Hinterfragen Sie!

 

  • Achten Sie auf heiße Luft. Vieles, was auf Webseiten steht, hört sich toll und spektakulär an. Fummeln Sie mal am Stöpsel rum (= schauen Sie genau hin) und Sie erleben, wie viel heiße Luft mitunter entweicht. Hinter den meisten hochgestochenen Formulierungen steckt in der Regel reichlich Profanes. Wer beeindrucken will, indem er kompliziert und fachsprachlich daherschwafelt, der will damit vor allem sein Bild und sein eigenes Ego aufblasen.

 

  • Lassen Sie sich nicht blenden. Dass jemand in einem bestimmten Bereich Experte ist (bwz. sein soll), muss er immer wieder neu beweisen – auch in Ihrem Fall. Und wenn Ihr Dienstleister in (s)einem Bereich eine Koryphäe ist, so ist er das deswegen nicht automatisch auch in anderen Bereichen. In diesem Zusammenhang höre ich immer wieder, „jemand habe sogar ein Buch geschrieben“. Hier kurz die Entzauberung: Ich selbst begleite Führungskräfte, Berater etc. beim Schreiben von Büchern, „ihren“ Büchern. Meine Leistung reicht von der strategisch/redaktionell/inhaltlich beratenden Funktion bis hin zum Ghostwriting. Auch Sie könnten schon morgen ein Buch schreiben – bzw. geschrieben bekommen. Ist also gar nicht so spektakulär.

 

  • Prüfen und vergleichen Sie! Auch andere Väter habe schöne Töchter. Nur weil ein paar Ihrer Kollegen zu einer Adresse gerannt sind, müssen Sie nicht auch dorthin rennen. Je mehr Sorgfalt und Zeit Sie in die Auswahl Ihres Projektpartners stecken, desto mehr Zeit, Nerven und Geld sparen Sie im Projekt selbst.