Wie Sie zukünftig leichter schreiben

Gehören Sie auch zu denen, die beruflich viel schreiben? Sitzen Sie regelmäßig vor dem weißen Bildschirm und fragen sich, wie Sie am besten mit einem Text beginnen? Nun, dafür gibt es ganz unterschiedliche Ansätze. Viele machen sich ja erst mal einen Tee oder einen Kaffee. Beides ist für den Kreativprozess unabdingbar, ohne Frage!

Dann fällt Ihnen vielleicht noch auf, dass die Büropflanze dringend wieder Wasser bräuchte. Auf dem Karma-Konto bringt diese mitfühlende Geste mindestens 20 Punkte: Chamaeodora elegans vor dem Vertrocknen gerettet. Auf dem Bildschirm allerdings gibt es weiterhin nur den blinkenden Cursor. Wieso ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, dieses nervige Teil stillzulegen? Ach ja, weil er sonst im Text nicht mehr zu sehen wäre. Wenn es doch bloß schon einen Text gäbe …

Bevor Sie als Nächstes Ihre E-Mails checken oder überlegen, ob feucht Durchwischen im Büro nicht doch Priorität vor Ihrem Beitrag zum Jahresbericht hätte, lassen Sie uns schauen, wie Sie zukünftig schneller und erfolgreicher ins Schreiben kommen.

Tipp 1: Sorgen Sie für die richtige Schreibumgebung

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Ich weiß nicht, welcher Oberspezi irgendwann einmal auf die Idee gekommen ist, dass gerade im Redaktionsbereich das Großraumbüro die Lösung aller (Schreib)Probleme sei. Ich selbst musste – Gott sei Dank – nie in dieser journalistischen Käfighaltung sitzen und arbeiten. Für mich gehören zum Schreiben Ruhe und Konzentration. Als freier Autor im eigenen Büro ist beides auch schnell hergestellt.

Wie es allerdings bei Ihnen aussieht, weiß ich nicht. Haben Sie aber nun eine wichtige Rede vor sich oder sollten Sie bis übermorgen einen sechsseitigen Fachbeitrag abliefern müssen, dann müssen Sie sich diese Ruhe und Möglichkeit zur Konzentration selbst schaffen:

– Teilen Sie Ihren Kollegen mit, dass Sie im Moment für niemanden zu sprechen sind.
– Hängen Sie ein Schild an die Tür: „Bitte nicht stören“.
– Stellen Sie das Telefon aufs Vorzimmer oder zu den Kollegen um.
– Schalten Sie alle Benachrichtigungstöne von Handy, E-Mail usw. ab.
– Legen Sie die Unterlagen und Informationen bereit, die Sie zum Schreiben brauchen.
– Machen Sie sich einen Kaffee oder Tee, legen Sie Kekse bereit und zünden Sie vielleicht noch eine Duftkerze an.

Kurzum: Schaffen Sie sich eine ungestörte, ablenkungsfreie und entspannte Schreibatmosphäre.

Tipp 2: Machen Sie sich locker

Das größte Hindernis beim Schreiben ist der Kopf. So komisch das klingen mag, aber genau er steht uns am meisten im Weg, weil wir ja schließlich einen guten Text abliefern wollen. Doch Perfektion ist der Kreativitätskiller Nr. 1. Machen Sie sich also locker. Weder der erste Satz noch die erste Textversion müssen druckreif sein. Sie werden eh mehrmals über Ihren Text gehen, ganze Abschnitte verwerfen und komplette Passagen wieder neu schreiben. Wenn Sie hier bereits eine halbe Stunde am ersten Satzes formulieren, ist es mit der Entspannung nicht weit her.

Tipp 3: Legen Sie einfach los

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Wer nicht weiß, wie er anfangen soll, der sollte am besten anfangen. Das ist der Tipp, der mir in meiner Schreibkarriere am meisten gebracht hat. So etwas wie eine Schreibblockade gibt es für mich nicht. Fangen Sie einfach an. Brüten Sie nicht über einzelnen Sätzen oder Formulierungen. Legen Sie los! In welcher Form, das ist ganz Ihnen und Ihrem Naturell überlassen:

Der eher organisierte Typ beginnt mit der Struktur (also der Inhaltsangabe) seines Textes: Vorwort, Einleitung, die einzelnen Kapitel, Zusammenfassung usw. Sobald das Gerüst steht, kann er an jeder Stelle einsteigen und mit dem Schreiben beginnen.

Der kreative Typ fängt direkt an zu schreiben. Und auch dazu gibt es wieder eine tolle Erkenntnis: Zwar sollte der Text als Ganzes eine logische Struktur und aufeinander abgestimmte Inhalte haben. Das heißt aber nicht, dass Sie genau so – also Punkt für Punkt – schreiben müssen. Sie dürfen auch gerne mit Kapitel vier (und hier mit irgendeinem Unterpunkt) beginnen. Sie sind der Autor und bestimmen, womit Sie beginnen. Hauptsache Sie schreiben!

Wenn ich zum Beispiel einen Beitrag über den demographischen Wandel erstelle und mir schon länger auf der Zunge brennt, was für ein merkwürdiges (weil ausgrenzendes) Altersbild manche Leute haben, dann lass ich meiner Empörung – und gleichzeitig meiner Schreibfeder – freien Lauf. Und ehe ich mich versehe, habe ich zwei Seiten gefüllt. Ob ich diesen Text dann später in genau dieser Form auch verwende, ist zweitrangig. Ich habe auf jeden Fall mit dem Schreiben begonnen.

Manchmal hilft es auch schon, überhaupt irgendwas zu schreiben, selbst etwas Fachfremdes. Einfach damit sich Körper und Geist darauf einstellen. Das klingt vielleicht irritierend. Ich selbst stehe als „gelernter“ Naturwissenschaftler auch vielen Dingen erst mal skeptisch gegenüber, aber genau diese Schreibpraxis hilft mir bei meiner täglichen Arbeit.

Tipp 4: Formulieren Sie nicht, erzählen Sie lieber

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Als Autor werde ich auch regelmäßig angesprochen, wenn es mal irgendwo mit dem Schreiben nicht so läuft. Dann heißt es zumeist: „Ich habe Schwierigkeiten, die richtigen Formulierungen zu finden.“ Meine Standardantwort darauf lautet: „Ja, dann formuliere doch nicht„, und ich frage sofort nach, was er/sie denn eigentlich erzählen möchte? In der Regel folgt ein wunderbar kompakter und verständlicher Kurzvortrag zum Inhalt des Textes. Dann bleibt mir nur zu sagen: „Warum schreibst du es nicht GENAU SO auf?

Haben Sie`s gemerkt? Im Grunde haben wir alles, was wir in Textform bringen wollen, bereits im Kopf. Wir müssen es nur noch aufschreiben. Das Problem beginnt eigentlich erst in dem Moment, in dem wir anfangen (umständlich) zu formulieren. Warum machen wir das und für wen? Wir wollen doch nur etwas leicht und verständlich vermitteln. Stellen Sie sich vor, Sie würden sich beim Smalltalk auf einer Party immer erst überlegen müssen, wie Sie den nächsten Satz formulieren. Dann käme garantiert etwas heraus wie: „Läge es im Rahmen Ihrer Zielvorstellung, wenn ich die Abendgestaltung mit einem alkoholischen Feuchtgetränk einleite und auch weiterhin entlang ihrer Interessen gestalte?„.

Spätestens bei „Zielvorstellung“ ist Ihre Party-Bekanntschaft in Richtung Waschräume verschwunden. Dabei wäre mit einem einzigen Wort alles gesagt (bzw. gefragt) gewesen: „Drink?“ (natürlich kombiniert mit einer charmanten Aufwärtsbewegung der rechten Augenbraue). Halten Sie es doch auch genau so bei Ihren Texten. Also jetzt nicht die Sache mit der Augenbraue. Formulieren Sie nicht, sondern erzählen Sie. Reden Sie laut. Erzählen Sie Ihre Geschichte dem Teddy-Schlüsselanhänger oder Ihrer Büropflanze. Sagen Sie, was Sie „eigentlich sagen“ wollten.

Mein bestes Hilfsmittel in einem solchen Fall ist das Diktiergerät. Ich erzähle laut, was ich schreiben will. Danach setze ich mich an den Computer und schreibe meine Aufzeichnungen ab. Übrigens ist die Sache mit dem Formulieren auch eine gute Textkontrolle. Drucken Sie sich Ihren fertigen Text aus und lesen Sie ihn sich laut vor. Sie werden schnell merken, ob Sie irgendwo stolpern: Wenn es klingt wie formuliert, muss es noch mal geschrieben werden.

Tipp 5: Einfach mal nein sagen – zum Schreiben

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Tipp 1 bis 4 sind hilfreich, wenn Sie schreiben müssen. Wenn Sie also einen engen Terminplan haben und der Text schon bald fertig sein muss. Sollten Sie jedoch mehr Zeit zur Verfügung haben und mit dem Schreiben läuft es gerade nicht wirklich gut, dann quälen Sie sich nicht. Gewinnen Sie Abstand zum Thema, widmen Sie sich anderen Aufgaben oder machen Sie einen Spaziergang.

Schreiben – besonders das professionelle – ist kein nine-to-five-Job. Mal läuft es besser und mal schlechter. Manchmal gehe ich vormittags erst zum Sport oder in die Sauna, wohlwissend, dass ich am Schreibtisch gerade nicht viel zu Papier bringen würde. Dafür kommen mir dann im Japanischen Garten beim Betrachten der Koi-Karpfen ein paar gute Ideen und sitze ich später mit viel mehr Motivation und Eifer an meinen Texten. Kreativität ist kein Dauerzustand. Sie lässt sich auch nicht erzwingen, aber man kann einiges dafür tun, dass sie sich bei einem wohlfühlt.